zwölf Papierschnitte | 2022 | 50 x 70 cm

Pareidolie (auch Trugbild, Clustering-Illusion) bezeichnet das Phänomen, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen. Pareidolien sind das Resultat bewusst oder unbewusst hervorgerufener Fehldeutungen durch das menschliche Gehirn. Dieses neigt dazu, diffuse und scheinbar unvollständige Wahrnehmungsbilder und -strukturen zu komplettieren und vertrauten Mustern und Formen anzugleichen (z.B. Wolkenbilder, das Antlitz von Jesus Christus im gebräunten Toast). Dabei scheinen die Art und Gestalt der Trugbilder von der Erwartung des Gehirns abzuhängen.
Bereits im 15. Jahrhundert sprach Leonardo da Vinci davon, wie verwitterte, fleckige oder nasse Mauern ihn inspirierten und regte an, der Betrachter solle Berge, Ruinen, Figuren und ganze Schlachten bei ihrem Anblick erfinden. Denselben kreativen Impuls nutzte auch der englische Landschaftsmaler Alexander Cozens mit seiner Blot-Methode. Seine Zeichenschüler sollten Tinte über ein zerknittertes Papier laufen lassen – und sich von der Struktur, die sich aus dieser Technik ergab, Landschaften herausarbeiten.
Im 19. Jahrhundert entstanden sogenannte Klecksographien, als ein Nebenprodukt des Schreibens mit der Feder. Daher waren vor allem Literaten, wie beispielsweise George Sand oder Victor Hugo, leidenschaftliche Klecksographen. Da die Interpretation der Kleckse von den Erfahrungen und Einstellungen des Betrachtenden abhängt und somit Rückschlüsse auf die Psyche dessen möglich sind, fand sie Anfang des 20. Jahrhunderts Eingang in die Psychodiagnostik. Die Interpretation der Tintenkleckse wurde zur Grundlage des von dem Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Herrmann Rorschach erstmals 1921 veröffentlichten projektiven diagnostische Verfahren (Rorschach-Test). Der Rorschach-Test ist aus verschiedenen Gründen umstritten.
Ich habe zwölf verschiedene Klecksographien erstellt und nachträglich beschnitten. Dabei habe ich Stellen zwischen einzelnen Klecksen ausgeschnitten, um die Formen zu betonen, die ich darin gesehen habe. Ich weiß nicht, was meine Assoziationen (z.B. Frosch, Motte, Harlekin, der Schrei von Edward Munch, Qualle u.a.) über meinen psychischen Zustand aussagen.
Im Kontext der Ausstellung SIMULATION im Martinipark kann die Arbeit Pareidolie auch als Modellversuch vor Ort gelesen werden. In der Ausstellung konnten die Besuchenden selbst in den Klecksen lesen und interpretieren.

