perception

Der Titel Perception verweist auf unsere Wahrnehmung und den Versuch unsere Welt einzuordnen. Die Arbeiten entstanden auf einer Expedition 2014-2015 von Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, el fin del mundo, über die Falklandinseln und Südgeorgien bis in die Antarktis. Die Fotografien zeichnen den Weg in immer entlegenere, extremere Landschaften, deren Rhythmus nicht vom Menschen, sondern von den Bedingungen der Natur, von Wetter, Wasser und Eis bestimmt wird.

Diese überwältigende Landschaft entzieht sich einfachen Zugriffsmöglichkeiten, man ist zeitlos, kann keine Entfernungen abschätzen und befindet sich in einem gefühlten Raum des Übergangs. Die Orte auf den Fotografien tragen zudem eine dichte historische Einschreibung in sich. Der sechste Kontinent dient seit jeher als Projektionsfläche menschlicher Ambitionen. Es sind Orte der Ausbeutung durch Walfang und Robbenjagd, geopolitische Konflikte wie des Falklandkriegs, aber auch die großer Expeditionen der Polarforschung. Namen wie Scott, Amundsen oder Shackleton stehen für den Versuch, das Unbekannte zu erobern und für das wiederholte Scheitern an den Bedingungen der Natur.

Die Expedition Ernest Shackletons, die 1914 aufbrach, um als Erste den antarktischen Kontinent zu durchqueren, endet in einer der eindrücklichsten Rettungsaktionen der Geschichte. Das Schiff Endurance wurde im Packeis eingeschlossen und schließlich zerstört. Die Mannschaft driftete monatelang auf dem Eis und landete schließlich auf Elephant Island. Von dort aus startete Shackleton mit wenigen Männern seine legendäre Rettung. Sie segelten in einem Beiboot bis nach Südgeorgien. Dort überwanden sie bis dahin nicht kartierte Gebirgslandschaft und fanden auf der anderen Seite Hilfe bei einer Fangstation. Sie kehrten zurück und konnten auf diese Weise die gesamte Besatzung retten. Diese Expedition erzählt nicht vom Triumph über die Natur, sondern markiert die fragile Grenze menschlicher Kontrolle und Ausdauer.

Auf Südgeorgien findet man bis heute zurückgelassene Walfangstationen, auch die besagte in Stromness Bay, die wie gespenstische Relikte einer ausbeuterischen Vergangenheit wirken. Diese Zeitkapseln sind mit Altlasten wie Asbest belastet und sind dem Wetter bedingungslos ausgesetzt.

Die Fotografien zeigen nicht bloß Eisberge, Küstenlinien oder Pinguinkolonien, sondern eröffnen einen Raum der Reflexion darüber, wie sehr solche Landschaften und unsere Wahrnehmung von Geschichte, Erwartungen und Konstruktion geprägt sind.

Zugleich wird sichtbar, dass der Mensch selbst in den entlegensten Regionen nicht spurlos bleibt und sich selbst hier in die Landschaft einschreibt. Auch wenn seine Hinterlassenschaften auf den ersten Blick nicht immer sichtbar sind, sind die Zeichen seiner Anwesenheit doch da.