Ausgangspunkt für die Arbeiten ist das Werk Tilman Riemenschneiders (um 1460–1531), eines der bedeutendsten Bildhauer der deutschen Spätgotik. Zu Riemenschneiders bekanntesten Werken zählen die geschnitzten Flügelaltäre in Münnerstadt, Rothenburg und Creglingen. Seine Skulpturen zeugen von außergewöhnlicher handwerklicher Kunstfertigkeit. Ihre Wirkung beruht in erster Linie auf der stark verinnerlichten Mimik und Gestik. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen verzichtete Riemenschneider auf die farbige Fassung seiner Bildwerke. Das Spiel des Lichts und die Beschaffenheit des Materials gewannen gegenüber der Bemalung die Oberhand. Im Werk des fränkischen Künstlers zeigt sich das Bedürfnis, sakrale Würde durch individualisierte, menschliche Nähe auszudrücken.
Die Serie Riemenschneider Reloaded markiert einen bewussten Medienwechsel von der Holzschnitzerei hin zum Papierschnitt und knüpft dennoch an die Tradition des Handwerks an. Die Technik des Papierschnitts verbindet ebenfalls Präzision, Konzentration und Materialverständnis.
Ich greife die formalen Qualitäten und Motive auf, reduziere die Formensprache und überführe sie in zweidimensionale abstrahierte Flächen. Die Reduktion sowie eine neue und ungewöhnliche Farbgebung übersetzen beispielsweise die gotischen Krabben in zeitgemäße grafische Bildsprache. Die historischen und sakralen Narrative lösen sich aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und öffnen sich für neue Lesarten. Riemenschneider Reloaded ist damit mehr als eine formale Aneignung.



Papierschnitte | 2024 | 50 x 70 cm

